Seven Summits, ohne Flugticket: Wie ein Hüttenwirt seine Heimat zum Himalaja machte
Sieben Gipfel, rund 138 Kilometer Strecke, fast 13.000 Höhenmeter. Und das am Stück, ohne Pause, ohne Schlaf. Beim ersten Mal scheiterte Roman Gander an den Seven Summits seiner Heimat. Und im zweiten Versuch?
Es gibt sieben Dächer auf dieser Welt. Auf jedem Kontinent wird der höchste Berg als Dach bezeichnet. Wer auf diesen sieben gestanden hat, gehört zu einem erlesenen Klub.
Wer die Seven Summits heute jagt, braucht Mut, Geduld und vor allem ein dickes Portemonnaie. Man muss an exotische Winkel der Erde reisen, viele Jahre planen und über lange Zeiträume extremem Wetter trotzen.
Die Seven Summits wären vielleicht auch für den Österreicher Roman Gander eine kühne Vorstellung geblieben. Stattdessen hat er sie sich woanders erfüllt, ohne eine Minute Flugzeit, direkt vor der Haustür.

1. Sieben Gipfel, ganz ohne Flugticket
Das Stubaital liegt südwestlich von Innsbruck, zweigt vom Wipptal ab und schiebt sich Richtung Alpenhauptkamm. 35 Kilometer lang, umschlossen von 109 Dreitausendern. Auch dieses Tal hat seine Seven Summits. Ausgesucht vom örtlichen Tourismusverband, nicht ausschließlich nach Höhe, sondern nach Form, Lage, Geschichte und Ausblick.
Drei Gipfel aus schroffem Dolomit, vier von Gletschern umflossen. Der höchste überragt den niedrigsten um gut tausend Meter. Ein Querschnitt durch alles, was die Region kann: vom gutmütigen Aussichtsberg bis zur Hochtour mit Gletscherkontakt.
Wer alle sieben schafft und den Stempelpass füllt, bekommt vom Tourismusverband nach dreien ein T-Shirt und nach sieben eine Trophäe aus Zirbenholz. Gedacht sind sie als Sammlung für schöne Sommertage. Einzeln. Einer nach dem anderen.
Roman Gander wollte diese sieben Berge nicht an sieben Tagen. Er wollte sie alle auf einmal.
Die sieben Gipfel, in der Reihenfolge des Aufstiegs
- Hoher Burgstall: Der leichteste der sieben, Dolomit, 360-Grad-Rundblick. | Gesamthöhe 2.611m | Anstieg zum Gipfel ~1.880m
- Rinnenspitze: Der zugänglichste der hochalpinen Gipfel, ein gerühmter Aussichtsberg. | Gesamthöhe 3.003m | Aufstieg zum Gipfel ~830m
- Zuckerhütl: Höchster Gipfel im Tal, die Königsetappe mit Gletscherkontakt. | Gesamthöhe 3.507m | Anstieg zum Gipfel ~1.470m
- Wilder Freiger: Vergletschert, technisch gutmütig „Cima Libera“. | Gesamthöhe 3.418m | Anstieg zum Gipfel ~430m
- Habicht: Mächtig und weithin sichtbar, der Wächter über dem Pinnistal. | Gesamthöhe 3.277m | Anstieg zum Gipfel ~1.190m
- Elfer: Der niedrigste, Dolomit, mit Klettersteig zum Gipfel. | Gesamthöhe 2.505m | Anstieg zum Gipfel ~810m
- Serles: Der „Hochaltar Tirols“, Wächter über dem Taleingang. | Gesamthöhe 2.717m | Anstieg zum Gipfel ~1.840m
2. Der Mann, dem Zahlen eigentlich egal waren
Roman Gander, 35, kommt aus dem österreichischen Mieders im unteren Stubaital. Dort, wo die Serles, ein wuchtiger Berg mit, so scheint es, ergrauten Couloirs, über dem Taleingang wacht.
Dass Roman gerne mehrere Dinge auf einmal macht, zeigt er auch im Beruf. Er ist Softwareentwickler und Hüttenwirt auf der St. Magdalena in Gschnitz. Kein Profi, kein Leistungsathlet, auch kein Sponsorenvertrag. Auf Instagram ist er privat. Ein Hobbysportler, wie er sich selbst nennt. Klettern, Bergsteigen, Skitouren, Trailrun. Einfach gern am Berg und Hauptsache draußen.
Das war er schon als Bub. „Hab den Vater immer auf Knien angebettelt, dass er mich mit dem Fahrrad mitnimmt“, sagt Roman heute.


Roman blieb bis ins Erwachsenenalter aktiv, das aber ohne großen Anspruch, ohne Zahlen, ohne ganz konkrete Ziele. Sein bis dahin verrücktestes Vorhaben, ein lang geplanter Traum eines guten Freundes, hatte trotzdem Format, wenn auch keinen Ehrgeiz auf Zeit. Er bestieg mit einem Kumpel den Gipfel des Großvenediger und fuhr anschließend noch am selben Tag mit dem Rad nach Venedig. Vom Berg mit dem großen Namen zur Stadt mit demselben.
Dann, 2025, kam ein Geschenk, das er sich gar nicht gewünscht hatte. „2025 habe ich die Garmin fēnix 8 geschenkt bekommen. Wollte sie erst gar nicht tragen, jetzt lege ich sie nicht mehr ab. Sie hat mich für den Ausdauersport auf jeden Fall richtig begeistert“, so Roman.
3. Der Funke und der Fehlschlag
Der Funke für seinen Seven-Summit-Versuch kam nicht aus dem Fernsehen, sondern glomm das erste Mal am Küchentisch. Ostern 2025 erzählte ihm sein Schwager Fabian Lener von den „Zornbrüdern“ aus Mieders. Zwei Einheimische, die die sieben Gipfel des Tals am Stück durchlaufen hatten. Ohne Pause zwischen den Bergen. Die Geschichte ließ Roman nicht mehr los. Er wollte das auch. Ganz gleich, ohne viel Training.
Das konkrete Vorhaben ist rasch erklärt und doch schwer zu fassen: alle sieben Stubaier Summits in einer einzigen Tour. Von der Haustür in Mieders los – laufend, steigend, kletternd – und irgendwann zurück durch dieselbe Tür. Kein Shuttleservice, keine Seilbahn, keine Nacht in warmen Laken.
Am 8. September 2025 probierte er es zum ersten Mal.
Und es ging schief.
Zu schnell losgelaufen, falsch ernährt, den Großteil allein unterwegs. Unterstützung nur von Papa Alois über den schwierigsten Gletscher. Dabei hatte Roman das Laufen mit Vorsatz erst im Juni begonnen. Drei Monate vom ersten bewussten Lauf bis zum ersten Anlauf auf sieben Gipfel. An der Innsbrucker Hütte war Schluss, dort ging der Tollkühnheit die Luft aus.

4. Einmal quer durchs eigene Tal
Nun also wieder. Ein Jahr später. Um 3:55 Uhr tritt Roman aus der Haustür in Mieders, Stirnlampe an. Was folgt, ist keine Reihe von sieben Einzeltouren, sondern eine einzige große Schleife durchs ganze Stubaital. Vom Sanften zum Höchsten und wieder zurück.
Zunächst die niedrigeren Gipfel im vorderen Tal, der Hohe Burgstall und die Rinnenspitze. Dann die lange, einsame Querung in den vergletscherten Talschluss, wo etwa zur Hälfte der Tour mit dem Zuckerhütl (3.507 m) der höchste Punkt wartet, dicht gefolgt vom Wilden Freiger.
Erst danach, tief in der zweiten Nacht, kommt das härteste Stück: über den Habicht Richtung Pinnistal, stundenlang im Dunkeln. Zum Schluss der Klettersteig hinauf zum Elfer, hinunter nach Kampl und dann das Finale über die Serles, den Hausberg.
5. Der zweite Versuch
Beim zweiten Mal, jetzt Ende August 2026, ging Roman seine Sache anders an. Nicht aus dem Bauch heraus, sondern mit Plan. Die Ernährung ausgewogen überlegt, das Tempo dosiert. Und vor allem: nicht mehr allein. Für jeden großen Abschnitt hatte er jemanden dabei. Kumpel Bernhard über die erste Etappe. Wieder mit Papa Alois, dem erfahrenen Partner am Berg, über den Gletscher. Mit Lebenspartnerin Anne durch die Nacht und mit Franzi hinauf zum Elfer. „Ohne die Leute, die die Passagen mitgemacht haben, hätte ich es nicht geschafft“, sagt Roman.
Dann kam wieder diese Stelle. Dieselbe, an der ihn der Berg beim ersten Mal heimgeschickt hatte. Und mit ihr kamen die Zweifel zurück. Der Kopf wollte sich nicht aufräumen lassen. Schaffe ich es diesmal? Mache ich wieder schlapp? Die Beine waren müde, die Gelenke knautschig, aber am schlimmsten marterte der Kopf.
Also drehte Roman den Gedanken irgendwann um.
„Ich habe es dann geschafft, den Weg als Ziel zu sehen. Die Momente zu genießen. So hat das Scheitern seine Furcht verloren“
Solange der Gipfel das Ziel war, konnte er scheitern. War der Weg das Ziel, gab es nichts mehr zu verlieren.


6. Geschafft
Und obwohl der Weg das Ziel war, kam er auch am Ende des Weges an. Nach 34 Stunden, 43 Minuten und 9 Sekunden. Zwei Nächte, sieben Gipfel, ein einziger Zug. Und am Ende eine Zahl, die vor ihm niemand erreicht hatte. Roman hält jetzt die Fastest Known Time für die Seven Summits des Stubaitals.
Beim ersten Versuch hatte ihn der Berg an der Innsbrucker Hütte heimgeschickt. Diesmal ging er nicht nur durch, er ging schneller durch als alle vor ihm. Der Mann, dem Zahlen egal waren, steht jetzt selbst in den Rekordlisten.
Und den letzten Gipfel, die Serles, den Hausberg über dem Taleingang, nahm er nicht allein: Schwager Fabian, der die Idee gesät hatte. Anne, die ihn durch die Nacht gebracht hatte. Und Alois, sein Papa.
Derselbe Papa, den er als Bub auf Knien angebettelt hatte, ihn aufs Fahrrad mitzunehmen, der Aufpasser eines Lebens, begleitete ihn nun stolz zum Wächterberg.
Die Bilanz
| Ergebnis: | Alle 7 Gipfel am Stück – neue Fastest Known Time |
| Gesamtzeit: | 34 h 43 min 09 sec |
| Start / Ziel: | Porzens, Mieders – 29.08.2026, 3:55 Uhr |
| Strecke: | rund 138 km |
| Höhenmeter: | fast 13.000 hm |
| Aufgezeichnet mit: | Garmin fēnix 8, Extended-Modus |
Was der Körper aushalten musste:
- Zwei Nächte fast ohne Schlaf, durchgehend in Bewegung.
- Gletscherquerung rund ums Zuckerhütl.
- Ein Klettersteig hinauf zum Elfer ohne Ausrüstung.
- Knieprobleme im Dunkeln, auf dem für ihn härtesten Stück zwischen Bremer und Innsbrucker Hütte.
- Fast 13.000 Höhenmeter am Stück – anderthalbmal die Höhe des Mount Everest.
7. Der Mann, der im Vertrauten ein Abenteuer sah
Die echten Seven Summits kosten ein Vermögen. Viele Jahre der Planung, Flüge ans andere Ende der Welt, Sauerstoff, im Himalaja Sherpas. Roman brauchte nichts davon. Nur zwei starke Beine, Mut und die richtige Begleitung. Und laut Roman auch: seine Smartwatch. Er verrät: „Ohne die Daten, die ich beim zweiten Mal im Blick hatte, hätte ich wieder zu schnell gemacht. Meine fēnix 8 hat meinen Puls ins Ziel navigiert.“

Die meisten suchen das Wagemutige am anderen Ende der Welt. Andere finden es vor der Haustür, genauso schön, genauso wild. Man muss nur groß genug denken.

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