Marlon Lipke: Besser durchs Leben surfen

Surferinnen und Surfer wirken extrem cool, lässig, entspannt. Meist strahlen sie mit ihrer gebräunten und salzwasserverwaschenen Haut verdammt viel Glück aus. Und das Schöne daran? Die Formel dazu können alle in diesem Sport finden.

71 Prozent der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt, und obwohl fast jeder Mensch Wasser vor Augen hat, gucken alle unterschiedlich auf Ozeane, Flüsse und Seen. Wer aufs Meer guckt, sieht immer etwas anderes, als der Mensch daneben.

Einer, der sehr oft in kräuseliges Wasser schaut, der Gischt der Ozeane lauscht, ist Marlon Lipke. Was einer der besten deutschen Surfer aller Zeiten im Wasser sieht und wie Meer ein glückliches Leben lehren kann, verrät Marlon im Interview.

Marlon Lipke im Steckbrief

Aufgewachsen an der Algarve, wo seine Eltern ein Surfcamp betrieben und der kleine Marlon alles über das Meer aufsog. Heute gilt er als der erfolgreichste deutsche Surfer – der einzige, der es je auf die WSL World Tour schaffte. Die Australier tauften ihn „The Hulk“. 

  • Jahrgang: 1984, geboren in Lagos, Portugal
  • Disziplin: Wellenreiten, im Wasser seit der Kindheit
  • Größter Erfolg: als bislang einziger Deutscher auf der WSL World Tour
  • Nationale Titel: fünffacher Deutscher Meister (Open Class)
  • Knapp verpasst: nur knapp an der Olympia-Qualifikation für Tokio vorbei
  • Heute: Mitgründer der Board-Marke Jam Traction, Trainer im deutschen Spitzensport
  • Lebensmittelpunkt: Lebt zwischen Portugal, dem Reisen und Österreich, der Heimat seiner Frau

Garmin: Marlon, du schaust morgens das erste Mal aufs Meer. Was siehst du als Surfer, was andere nicht sehen?

Marlon Lipke: Das Problem ist: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich als Nicht-Surfer aufs Meer geschaut habe. Das ist einfach viel zu lange her.

Garmin: Wann magst du das Meer am liebsten?

Marlon Lipke: Ich mag es nicht, wenn das Meer zu ruhig ist. Mich beunruhigt das. Wenn es dagegen aufgewühlt ist, ich Wellen sehe, es braust – dann bin ich beruhigt.

Garmin: Wir möchten ja heute darüber sprechen, wie man Dinge, die man beim Surfen braucht – Geduld, Coolness, eine gewisse Entspanntheit – aufs Leben überträgt. Ist das eigentlich ätzend, wenn so absolute Laien mit diesen Klischees über das Surfen auf dich zukommen?

Marlon Lipke: Überhaupt nicht. Schwieriger finde ich es, wenn Leute fünf Jahre am Meer leben und dann ein Buch darüber schreiben wollen, wie man richtig surft. Aber ich finde es nicht schlimm, wenn Laien einfach so über das Surfen reden.

Das Line-Up: Mit Geduld die Melodie des Meeres erkennen

Garmin: Sprechen wir über das erste große Thema: Geduld. Warum ist sie beim Surfen wichtig?

Marlon Lipke: Surfen ist diesbezüglich ein schwieriger Sport. Du kannst es nicht unbegrenzt üben. Wenn keine Wellen kommen, kommen keine Wellen. Anders als beim Skaten gibt es keine Halfpipe, in der du zu jeder Zeit reindroppen kannst.

Garmin: Besonders wichtig ist Geduld beim sogenannten Line-Up. Wenn du auf eine Welle wartest, die du nehmen kannst. Wer da zu ungeduldig ist, nimmt eine kleine und verpasst möglicherweise eine große Welle.

Marlon Lipke: Man braucht das Gefühl für das Timing. Es ist ein bisschen wie bei einem Tanz mit der Natur. Ich muss als Surfer den nächsten Schritt verstehen können. Wie verhält sich eine Welle? Wie bricht sie? Ist sie Vorbote einer besseren Welle? Am Ende vergleiche ich die Wellen manchmal mit einer Melodie. Da reihen sich Töne aneinander, tiefe und hohe, und irgendwann hat sie ein Muster, und man weiß, wann wieder die höheren Töne kommen.

Garmin: Wie lernt man dieses Timing?

Marlon Lipke: Bei mir ist es so: Ich muss das Denken ausblenden. Wer zu viel denkt, vergisst sein Gefühl, die Intuition, hört und sieht nicht genau hin, was das Meer macht. Und verpasst so die Melodie.

Garmin: Wie kommt man zu dieser Intuition, zu dem Gefühl, wie du es beschreibst?

Marlon Lipke: Indem man viel im Meer ist und es nicht nur erlebt, sondern wirklich wahrnimmt.

Garmin: Das Problem ist: Es gibt ziemlich viele Meere da draußen, und unzählige Küsten, Riffe. Wie unterschiedlich verhalten sich die Wellen je nach Meer und Region?

Marlon Lipke: Wenn Leute, die in Indonesien surfen gelernt haben, das erste Mal vor Portugal im Wasser sind, verstehen sie ihre Surfwelt nicht mehr. Das Meer hat an jedem Ort einen anderen Code, ein anderes Wesen. Das ist nicht nur lokal sehr verschieden, sondern auch zeitlich dynamisch. Besonders die Beach Breaks, also Surfspots, wo sich Wellen an Sandbänken brechen, verlängern sich laufend, weil die Gezeiten die Sandbänke verschieben. Ein Strand wird somit nie langweilig. Was vielleicht ähnlich ist: dass jeder Ort einen Code hat, der immer bleibt. Nennen wir es: Charakter.

Garmin: Wie unterschiedlich fühlen sich die einzelnen Charaktere der Meere an?

Marlon Lipke: Teilweise sehr unterschiedlich. Wenn ich zum Beispiel nach Frankreich komme, habe ich immer ein besonderes Gefühl. Da denke ich besonders oft am Atlantik: Boah, wie krass das ist, vor 1.000 Kilometern hat sich diese Welle, ein Chaos aus Energie, zu diesem Ort aufgemacht, wo sie jetzt unter meinem Brett bricht. Ich habe die Chance, mit etwas zu interagieren, was so wild und ungezähmt ist. Ich versuche, Musik mit Noten zu spielen, die ich vorher noch nie gesehen habe.

Garmin: Wie schön das klingt: Wer mit dem Unerwarteten interagiert, mit Noten, die man vorher nicht kennt, macht auch Fehler. Das liegt in der Natur der Sache.

Marlon Lipke: Ich habe durch das Surfen gelernt, wie wichtig Fehler sind. Es gehören auch schlechte Wellen dazu, um besser zu werden. Mit jedem Fehler wird das Bauchgefühl sensibler. Manche Tage frustrieren, aber man begreift, dass die schlechten fast immer entscheidend für die guten Tage waren. Wenn man das verinnerlicht hat, fällt einem das Frustriertsein leichter. Das gilt übrigens auch abseits des Surfens im Alltag. Schlechte Tage gehören dazu.

Wie entsteht eigentlich eine Welle?

Marlon nennt sie „ein Chaos aus Energie“, das sich über tausend Kilometer auf den Weg macht, bevor es unter seinem Brett bricht. Und genau das ist eine Welle: kein Wasser, das reist, sondern Energie, die durch Wasser wandert. Der Wind lädt die See auf, das Chaos ordnet sich auf seiner langen Reise zu sauberen Linien – und entlädt sich am Ende auf wenigen Metern vor der Küste.

  • Wind als Auslöser: Er reibt über die Oberfläche und überträgt seine Energie ins Wasser.
  • Energie sammelt sich: Je stärker und länger er weht und je größer die Fläche, desto größer die Wellen.
  • Ordnung durch Distanz: Längere Wellen sind schneller unterwegs als kurze – über die Distanz sortieren sie sich, und aus dem Sturm-Chaos werden gleichmäßige Linien: der Grundswell.
  • Reise ohne Sturm: Der Swell wandert tausende Kilometer, lange nachdem der Wind, der ihn schuf, vorbei ist.
  • Bremse von unten: An der Küste verlangsamt der Meeresboden die Welle, sie wird steil und bricht.
  • Beach Breaks: Sie brechen an Sandbänken, die Strömung und Brandung laufend umlagern. Dazu ändert jede Tide den Wasserstand über der Bank – kein Tag gleicht dem anderen.

Der Drop: Über die Kunst, dem Körper zu vertrauen

Garmin: Der Drop ist der entscheidende Moment. Du hast eine Welle erspäht und dich für sie entschieden. Jetzt geht es gleich in die Welle, den sogenannten Drop. Was geht in dir vor?

Marlon Lipke: Overexcitement. Es ist eine überwältigende Vorfreude. Man stellt sich viel vor, besonders, was die Welle machen wird, und was man dann mit ihr macht. Das ist aber auch riskant: Wer zu viel die Gedanken gehen lässt, überlegt. Und das ist in diesem Moment nicht der Idealzustand.

Garmin: Was strebst du stattdessen an?

Marlon Lipke: Einen Zustand, einen Flow State, in dem der Körper in den Autopilot schaltet. Man steuert keine Muskeln mehr gedanklich an, sondern Kopf und Muskeln sind miteinander verbunden. Ich stehe da gar nicht mehr mit einem Bewusstsein dazwischen. Körper und Geist sind maximal synchron geschaltet.

Garmin: Kann man das trainieren?

Marlon Lipke: Wenn man gut sein will, muss man das. In den ersten Jahren reicht es vielleicht noch aus, viel im Wasser zu sein. Man versteht das Meer, man entwickelt seine Intuitionen. Aber in den 20ern, wenn man besser werden will, vielleicht auch Wettkämpfe bestreiten möchte, muss man mehr dafür tun. Ich weiß noch, als ich in Südportugal als einer der ersten deutschen Pro-Surfer ankam. Da war ich ein Stück weit ein Fremder, ein Exot. Ich musste mich durchfighten. Aber das hat dann geklappt, auch weil man mehr und anders investiert hat. Manche Surfer, die vielleicht talentierter waren, wollten immer nur surfen. Wir haben dagegen richtige Trainingscamps gemacht. Mit Plan. Das hat sich im Wettkampf mit besseren Instinkten reflektiert.

Garmin: Weil es hier so gut passt: Wie unterstützt dich Garmin dabei? Läuferinnen und Läufer wissen zum Beispiel durch die Smartwatch sehr präzise, wann es ein guter Tag wird und wann es eher schwerer werden könnte.

Marlon Lipke: Meine Garmin hilft mir ganz extrem. Es ist beim Surfen aber anders als bei anderen Sportarten. Beim Laufen kann man vielleicht durch das Verhalten am Tag zuvor den nächsten schon sehr gut mitformen. Beim Surfen ist das schwieriger, weil es an diesem nächsten Tag eventuell keine guten Wellen gibt. Hier ist aber die Konstanz extrem wichtig. Man muss konstant gut drauf sein, damit man an dem Tag mit den tollen Wellen bereit für sie ist.

Garmin: Wie nutzt du deine Smartwatch von Garmin im Alltag?

Marlon Lipke: Sie hilft mir beim Dranbleiben. Dass ich meine Trainingsläufe mache und meine Reps beim Krafttraining. Ich bin so ein Mensch: Ich brauche eine Nummer, damit ich motiviert bin. Eine Zahl auf dem Display. Und deshalb sind die anderen Werte zu Schlaf und Erholung so relevant für mich. Auch sie motivieren mich, gut zu essen, gut zu schlafen. Ich schaffe es durch Garmin, konstant gesünder und aktiver zu leben, und mein Sport profitiert davon. Besonders auf beruflichen Reisen nach Finnland oder Japan, wo man sonst im Alltag vielleicht nachlässt und sich aufgrund des Stresses etwas gehen lässt.

Surfen mit Garmin

Die Surf-Funktion der Garmin zählt, was man im Wasser vergisst, und macht aus dem Gefühl eine Zahl. Genau die braucht Marlon, wie er sagt, zum Dranbleiben: ein Wert auf dem Display, der zeigt, ob die Konstanz stimmt, auf die es beim Surfen ankommt.

  • Zeichnet jede Session auf: Anzahl der Wellen, längste Welle, Topspeed, Paddelstrecke und Zeit.
  • Auswertung danach: Alle Daten landen in Garmin Connect, Session für Session vergleichbar.
  • Gezeiten aufs Handgelenk: High und Low Tide auf einen Blick – oft sicherheitsrelevant.
  • Wellenvorhersage vor Ort: Über die Surfline-Anbindung direkt am Spot, ohne Handy.
  • „Surfline Sessions“: An Stränden mit Surfline-Kamera schneidet die Smartwatch ein Video jeder Welle mit (Abonnement nötig).
  • Abseits des Wassers: Trainingsläufe, Kraft-Reps, Schlaf- und Erholungswerte – die Basis für die Konstanz.
  • Sicherheit: Dank LiveTrack und InReach-Technologie (auf der fenix 9 Pro von Garmin) kannst du dir Zeit auf dem Wasser sorgenfreier genießen.

Der Flow: Über Kontrolle im Kontrollverlust – und den richtigen Blick aufs Surfen

Garmin: Noch mal zurück zum Drop. Du sprachst von Vorfreude. Auf einen Moment, auf den du dich wochenlang vorbereitest, mit Disziplin und Ehrgeiz. Aber Wellen können ja auch wuchtiger und unbeherrschbarer sein als gedacht. Gefährlich.

Marlon Lipke: Es kitzelt. Man weiß nicht, was passiert, aber man hat es ja schon mal gemacht. Man merkt eventuell, dass es einen richtig hinhauen könnte, dass es riskant ist. Aber man ist schon in einem Flow State, im automatischen Gefühl. Manchmal bricht man beim Paddeln auch ab und nimmt sie doch nicht. Aber das hat der Kopf dann nicht wirklich abgewogen. Das ist dann automatisch tief drinnen vom Körper entschieden worden.

Garmin: War es bei dir mal knapp?

Marlon Lipke: Man weiß ja nicht, wie knapp es wirklich war. Wie lang hätte ich die Luft noch anhalten können? Keine Ahnung. Wenn man tief unter Wasser in der Welle verschlungen ist, hochkommen will, fühlen sich zwei Sekunden wie 20 an. Ich muss mich gerade an Hawaii erinnern, Sunset, einen der aufregendsten Spots für Surfer weltweit. Ich bin damals in der World Tour angetreten, das ist die Champions League des Surfens. An dem Tag gab es irre Wellen. So gefährlich, dass der Helikopter zweimal flog und die Rettungskräfte Surfer aus den Wellen holen mussten. Ich habe dann mein Gehirn ausgeklinkt und bin trotzdem raus – und es ging gut. Zu sagen, ich versuche es gar nicht erst, wäre dumm gewesen, nach all der Arbeit, die ich investiert hatte.

Garmin: Wie viel kann man beim Surfen eigentlich kontrollieren?

Marlon Lipke: Man muss einsehen, dass es Kontrolle nur in einem gewissen Maße gibt. Beim Spiel mit der Natur hat man nicht alles allein in der Hand. Aber das ist ein Zustand, mit dem man arbeiten muss. Die Kunst ist vielleicht, sich so sehr unterbewusst zu vertrauen, dass man loslässt und im Moment ist. Dann kommt der Flow State, den man braucht. Nachdenken, was ja eine Art Suchen nach Kontrolle ist, kann kontraproduktiv sein.

Garmin: Sehnst du dich gar nicht nach Kontrolle?

Marlon Lipke: Doch. Und ich habe ja Kontrolle. Zum Beispiel sehe ich die Wellen, den Ritt, das Surfen an sich nur noch als Teil eines großen Ganzen. Bloß weil es keine guten Wellen gibt, kein gutes Surfen möglich ist, habe ich trotzdem die Kontrolle darüber, dass ich die Session genießen kann. Wenn ich am Strand bin, das Meer höre, es rieche, die Kälte spüre, ich mich umdrehe und die schroffen Klippen sehe, dann bin ich oft sehr im Moment und stecke in vielen positiven Emotionen.

Garmin: Zum Abschluss: Zu Beginn gab es die Frage, was du anders als andere siehst, wenn du aufs Meer blickst. Aber verrate uns: Welcher Anblick am Meer macht dich am glücklichsten?

Marlon Lipke: Ich muss dazu nicht mal am Meer sein, um glücklich zu sein. Da meine Ehefrau Österreicherin ist, leben wir den Teil des Jahres, in dem wir nicht in Portugal oder auf Reisen sind, in Österreich. Und da mag ich es auch sehr zwischen den Bergen, ganz ohne Meer. Aber: Allein zu wissen, dass es die Meere da draußen gibt, dass ich sie aus der Distanz fühle, löst eine Vorfreude aus, die schwer zu beschreiben ist.