Hyrox-Weltmeister Tim Wenisch: Der Mann ohne Schwäche?

Hybrid-Training ist längst ein Massenphänomen. Hunderttausende treten weltweit an. Einer der besten unter ihnen kommt aus dem Allgäu. Einer, der aus wenig ein Geheimnis macht. Und doch selbst eines ist.

Wenn Tim Wenisch über seinen jüngsten großen Einzelsieg spricht, klingt es nach keinem guten Morgen.

Berlin. Ende Mai. Das Rennen zu früh. Das Klima zu heiß, 28 Grad. Die Luft staute sich unter den Hangars des Tempelhofer Felds in Berlin. Der alte Flughafen, plötzlich eine Art Heißluftfritteuse. Kreislaufprobleme habe er in diesem Glutofen gehabt, sagt er.

Er, der beste Hybrid-Athlet der Welt, musste zwischendurch gehen. Wie stickig so ein Freiluft-Hangar sein kann.

Gewonnen hat Tim Wenisch trotzdem. Mal wieder. In 54 Minuten und 30 Sekunden. In Anbetracht der Bedingungen eine irre Zeit. Zumal der gefürchtete Schlitten dieses Mal über einen Teppich gezogen werden musste, der auf Holzbohlen lag.

Für Wenisch aber auch das: kein Problem.

Ein Gespräch über den vielleicht gehyptesten Sport der Welt. Und über den Deutschen, der ihn von allen momentan mit am besten beherrscht – und sich selbst von einem Drama auf der Ziellinie nicht entmutigen ließ.

Tim Wenisch, „Die Maschine“

  • Geboren: 1999, Allgäu, Bayern
  • Beruf: Sportwissenschaftler, Gründer von Qalcha
  • Disziplin: Hyrox, Elite 15, seit 2018 dabei
  • Stärke: Laufen. Bei der WM 2025 sein Laufsplit rund 50 Sekunden schneller als alle anderen.
  • Größte Erfolge: Doppel-Weltmeister 2025 in Chicago (Elite-Einzel & Pro Doubles innerhalb von 48 Stunden), Pro-Doubles-Weltrekord 2026 mit Alexander Rončević (47:40, London), Europameister im Doppel sowie Weltmeister im Elite-15-Doppel 2026 in Stockholm.

Garmin: Tim, viele Kinder träumen davon, irgendwann Weltmeister zu werden. Bei dir das Besondere: Du bist es geworden. In einem Sport, den es nicht gab, als du Kind warst. Was hattest du dir damals erträumt?

Tim Wenisch: Wie 80 Prozent der Jungs wollte ich Fußballweltmeister werden. Ich bin auf dem Dorf groß geworden, da hat man eben Fußball gespielt. Und da wollte man als Kind ganz viel werden.

Garmin: Die Karriere ist dir trotz deiner athletischen Grundlagen versagt geblieben. Woran lag es?

Tim Wenisch: Ich hatte einfach nicht das Talent. Trotzdem war der Traum lange da, irgendwann mal Profisportler zu werden. Immer wenn es von der Schule nach Hause ging, wurde die Tasche weggeworfen, und man hat sich auf dem Bolzplatz getroffen. Ich war schon als Kind sehr ehrgeizig.

Garmin: Gab es nur Fußball in deiner Jugend?

Tim Wenisch: Ich war auch im Leichtathletikverein, dort auf die Mittelstrecke spezialisiert. Da war ich ganz gut drin.

Garmin: Aber „gut“ hat nicht gereicht?

Tim Wenisch: Mir wurde in der Jugend irgendwann klar, dass ich da super viel trainieren kann, aber dass das wahrscheinlich nicht reicht, um unfassbar gut zu werden. Um zu den Besten zu gehören.

Garmin: Wir reden über ein Alter, in dem sich normalerweise längst abzeichnet, wer mal Profisportler wird und wer nicht. Du hast da noch nicht mal den Sport betrieben, in dem du Weltklasse werden würdest. Wie bist du zum Hybrid-Training gekommen?

Tim Wenisch: Zum Ende der Jugend habe ich mit der Leichtathletik aufgehört und es mit Crossfit versucht. Das hat mir aber nicht so richtig getaugt. Im Fitnessstudio las ich dann in einer herumliegenden Zeitschrift von Hyrox. Das hat mich total angesprochen. Ich wusste, dass ich über die Mitteldistanz ein sehr guter Läufer bin und dass mir Krafttraining liegt. Ich hab’s dann einfach ausprobiert.

Garmin: Wie würdest du Hybrid-Training einem Menschen, der den Sport noch nicht kennt, in einem Satz erklären?

Tim Wenisch: Acht mal einen Kilometer laufen, dazwischen acht Kraftausdauerübungen, meist in großen Hallen, so schnell wie es geht.

Die Kraftübungen des Hybrid-Trainings

Achtmal einen Kilometer laufen, dazwischen Kraftübungen. Das steckt dahinter.

  1. SkiErg, 1000 Meter. Kein Zusatzgewicht, Ganzkörper-Ausdauer auf dem Ski-Ergometer. Steht am Anfang, wenn du frisch bist. Genau deshalb der häufigste Pacing-Fehler: zu hart ziehen und es auf Station fünf büßen.
  2. Sled Push, 50 Meter, 202 kg inklusive Schlitten (Damen 152 kg). Vier Bahnen à 12,5 Meter, beladener Schlitten. Das Sled-Gewicht ist die anspruchsvollste Stationslast. Hier entscheidet sich bei den meisten, ob sie die zweite Hälfte stark laufen oder sich durchquälen. Tiefe Position, kurze Schritte, Druck aus den Beinen, nicht aus dem Rücken.
  3. Sled Pull, 50 Meter, 103 kg inklusive Schlitten (Damen 103 kg). Hand über Hand am Seil zurückziehen. Etwas leichter als der Push, aber Griff und Rücken sind hier schon vorbelastet. Wer die Beine mitnimmt und nicht nur mit den Armen reißt, kommt sauberer durch.
  4. Burpee Broad Jumps, 80 Meter. Körpergewicht, kein Gerät. Burpee, dann Weitsprung nach vorn. Der Pulskiller im Mittelfeld. Kleine, gleichmäßige Sprünge schlagen große mit Atempausen, fast immer.
  5. Rowing, 1000 Meter. Tausend Meter auf dem Ruderergometer, kein Zusatzgewicht. Kommt, wenn die Beine schon zweimal geliefert haben. Aus dem Beinantrieb arbeiten, sonst steigt der Puls und die Zeit gleich mit.
  6. Farmers Carry, 200 Meter, 2 × 32 kg (Damen 2 × 24 kg). Zwei Kettlebells, möglichst ohne abzusetzen, das spart Zeit. Hier entscheidet die Griffkraft alles. Schultern hinten, aufrecht gehen.
  7. Sandbag Lunges, 100 Meter, 30 kg (Damen 20 kg). Ausfallschritte mit dem Sandsack auf den Schultern. Die siebte Station, du hast sieben Kilometer in den Beinen. Sauberer Schritt, hinteres Knie kontrolliert ablegen, aufrecht stehen. Tempo holst du hier nicht. Du vermeidest nur Strafen.
  8. Wall Balls, 100 Wiederholungen, 9 kg auf 3,05 m (Damen 6 kg auf 2,74 m). Hundertmal aus der tiefen Kniebeuge an die Markierung werfen, mit leeren Beinen. Bei den Herren Pro wurde die Zielmarkierung in dieser Saison von einer Holzplatte auf ein klarer markiertes Liniensystem umgestellt, für die saubere Wertung. Die meisten zerlegen die Station in Blöcke, etwa Zwanzigersätze mit kurzen Atempausen. Am Stück schaffen es wenige.

Garmin: Warum entwickelt sich Hybrid-Training so rasant?

Tim Wenisch: Weil die Barrieren gering sind. Klar, ein Hyrox kostet Kraft, Energie, ist für alle, die ihn machen, wahnsinnig anstrengend, auch für mich. Aber man kann ihn schaffen, vielleicht sogar eher als einen Marathon. Man kann sich für Stationen Zeit lassen. Oder man tritt nicht allein an, sondern im Double oder Mixed. Ein Hyrox ist vielleicht die härteste Herausforderung im Sport, durch die sich trotzdem jede und jeder durchbeißen kann.

Garmin: Ist ein Hybrid-Wettkampf vor allem eine Kopfsache?

Tim Wenisch: Der Kopf ist mitentscheidend. Ich hatte es neulich in Berlin. Morgens auf dem Tempelhofer Feld, Elite-Division, schon super heiß, 28 Grad. Nicht meine Zeit, nicht meine Temperatur. Der Kreislauf hat Probleme gemacht, ich musste kurz gehen, was mir selten passiert. Aber wenn man das überwindet, im Rennen bleibt, dann findet man beim Hyrox auch wieder die Kraft.

Garmin: Acht Stationen haben wir erklärt. Was hasst du, was liebst du?

Tim Wenisch: Hassen tue ich gar nichts. Mir liegen die Lunges. An den Wall Balls arbeite ich, dass die noch besser und vor allem schneller werden.

Garmin: Wann kam eigentlich der Gedanke: Im Hybrid-Training bin ich richtig gut?

Tim Wenisch: Ich habe mich in dem Sport schnell gut gefühlt. Dass es richtig gut laufen könnte, habe ich bei der Weltmeisterschaft 2022 in Leipzig gemerkt. Da bin ich nicht bei den Pros angetreten, ich hatte etwas leichtere Randbedingungen, war aber tatsächlich schneller als der Weltmeister. Das hat mir einen Schub gegeben. 2025 bin ich dann in Chicago Weltmeister im Single und im Double geworden.

Die Weltmeisterschaft 2026. Solna, Stockholm. Juni. Tim ist längst kein Underdog mehr, sondern der Gejagte. Top-Athleten wie Hunter McIntyre oder Weltrekordhalter Alex Rončević aus Österreich wollen Tim den Titel abnehmen. Der Druck ist da. Wie ein 30 Kilo schwerer Sandsack liegt er auf den Schultern.

Aber: Tim kämpft. Die Weltspitze ist eng zusammen. Auf den Läufen ist wieder kaum einer besser als das leichtfüßige Mittelstrecken-Ass aus dem Allgäu. In die Walls Balls geht Tim als knapper Führender. Viel Arbeit war es gewesen, sich die Position zu erarbeiten.

Tim hatte es mal wieder geschafft.

Dann das Drama: Der US-Boy Dylan Scott rast bei den Wall Balls von Platz 6 heran. Auch der Belgier Louis Osselaer mischt plötzlich mit.

Wenisch, Gold vor Augen, wird kurz vor dem Ziel von Scott überholt, der alle 100 Wall Balls am Stück macht. Unbroken. Bitter: Durch die Verwirrung, ob der 100. Wall Ball von Tim zählt oder nicht zählt, gibt es nach dem Sekunden-Finish gegen Scott noch eine Strafe. 15 Sekunden Abzug. Im Hyrox eine halbe Welt. Tim wird Dritter.

Bei Instagram schreibt er trotzdem: „Habe heute nicht gewonnen, aber könnte nicht glücklicher sein mit diesem Rennen und der Saison. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Moment.“

Und welches charakterliche Welt-Niveau Tim hat, zeigt er einen Abend später. Keine Enttäuschung in den Armen und Beinen, sondern Mut in der Brust. Er und Kumpel Alex Rončević dominieren die Double-Konkurrenz. Wieder Weltmeister in dieser nicht weniger anspruchsvollen Disziplin. Mehr noch: Kurz darauf gewinnt das deutsche Mixed-Team auch noch Silber.

Eine vermeintliche Niederlage, die am Ende der Startschuss zu drei Weltklasse-Leistungen in wenigen Tagen war. Und den kompletten Medaillensatz am Ende erst möglich machte.

Manchmal muss man am ersten Abend „verlieren“, um danach umso mehr zu gewinnen.

    Garmin: Wie viele Stunden muss man trainieren, um so gut zu werden?

    Tim Wenisch: Ich trainiere im Schnitt 13 Mal die Woche. Wie viel genau, das hängt von der Wettkampfphase ab.

    Garmin: Noch interessanter als die Dauer ist der Split. Neben der Ausdauer brauchst du starke Beine, dazu einen Rücken, der den 153 Kilo schweren Schlitten ziehen kann. Von Armen und Schultern ganz zu schweigen. Wie periodisierst du deine Einheiten?

    Tim Wenisch: 70 Prozent fließen eher in die Ausdauer, in Grundlagen und in der hohen Intensität. In den verbliebenen 30 Prozent liegt der Fokus auf Krafttraining. Der Split funktioniert auch, wenn man zeitbedingt nur drei- oder viermal pro Woche trainieren kann.

    Garmin: Warum ist die Ausdauer, zumindest im Trainingsumfang, wichtiger?

    Tim Wenisch: Die Laufrunden machen einen großen Teil des Rennens aus, da kann man viel Zeit verlieren. Noch wichtiger: Wenn das Herz im hochintensiven Bereich nicht mitmacht, kann der Körper auch gar nicht die Kraft aufwenden, die in den Muskeln steckt und die er für die Kraftausdauerübungen braucht.

    Garmin: Du trägst eine Smartwatch von Garmin. Eine Frage, die alle Fans der Marke interessiert: Wie hoch ist deine VO2max?

    Tim Wenisch: Da mache ich kein Geheimnis draus, ich teile ja auch alle meine Trainings bei Strava. Meine VO2max liegt momentan bei 67. Aber aus meiner Sicht sollten wir nicht alles an diesem Wert festmachen.

    Garmin: Gibt es andere Werte, die du im Blick behältst?

    Tim Wenisch: Definitiv. Das Erste, was ich jeden Morgen mache, ist auf meine Garmin zu schauen und zu gucken: Wie sind denn meine Schlafwerte? Gerade auf meine HRV und meine Ruheherzfrequenz schaue ich sehr genau. Natürlich spielt auch die Schlafqualität eine Rolle. Wenn ich sehe, dass meine Werte über mehrere Tage schlechter werden und ich mich gleichzeitig nicht zu 100 Prozent fit fühle, passe ich mein Training entsprechend an. So versuche ich, eine Erkältung oder Überlastung frühzeitig zu vermeiden. Damit ich am Wettkampftag alles abrufen kann.

    Garmin: Bist du der große Taktiker im Wettkampf?

    Tim Wenisch: Mein Ziel ist eh, alles rauszuhauen, was da ist. Ich laufe nicht taktisch nach Puls, ich gebe das Maximale, was ich in diesen 50, 55 Minuten abrufen kann. Athletinnen und Athleten, die neu dabei sind, die kein klares Ziel haben, empfehle ich aber schon, darauf zu achten, wie der Körper die Belastung gerade aushält. Über den Puls kann man die Pace bei so einem Rennen sehr gut steuern. Besonders auf den Laufrunden.

    Garmin: Wenn wir über dein Training reden und deinen Titel, dann tauchen die versteckten Kosten für den Erfolg nicht sofort auf. Worauf musst du verzichten, um so gut zu sein?

    Tim Wenisch: Ich muss gar nicht auf viel verzichten. Klar, vor einem wichtigen Rennen meide ich Menschenmassen, ich gehe nicht auf Konzerte oder ins Kino, weil ich nicht krank werden will. Aber ich mag das, was ich tue. Mir fällt das Training selten schwer, im Gegenteil, ich trainiere echt gern. Ich bin von tollen Menschen umgeben. Der Preis, den ich für den Erfolg zahle, ist gar nicht so groß, wie viele denken.

    Warum auch du mit Hybrid-Training erfolgreich wirst?

    Hybrid-Training zahlt sich immer für dich aus – auch wenn du nicht an Weltmeiserschaften teilnimmst und mit dem Sport Geld verdienst.

    Denn Hybrid-Training sorgt dafür, dass du deinen ganzen Körper trainierst. Du bringst ihm bei, Kraft lange auszuüben. Du trainierst gleichermaßen Ausdauer und Maximalkraft. Du vergisst kaum einen Muskel. Die Beine werden stärker, der Körper beweglicher, die Arme muskulöser.

    Und das Beste? Wer regelmäßig Hybrid-Workouts macht, profitiert davon auch beim Möbelschleppen beim Umzug oder beim Kistentragen im Getränkemarkt. Hybrid-Training macht dich zu einem fitteren Menschen, und das in allen Stationen des Lebens.

    Wie dich Garmin Smartwatches bei hochintensivem Training unterstützen

    Drei Funktionen von Garmin Smartwatches helfen, wenn du für hochintensive Wettkämpfe trainierst, für Rennen mit wechselnden Lauf- und Kraftblöcken.

    • Alarme für EMOM und AMRAP. Intervallformate wie EMOM (jede Minute eine Runde) oder AMRAP (so viele Runden wie möglich) leben vom Takt. Unter der Aktivität HIIT kannst du die voreingestellten Alarme nutzen und auf deine gewünschte Länge festlegen. Dann piept dir die Smartwatch dir den Rhythmus vor, und du starrst nicht auf die Sekundenanzeige.
    • Den Trainingszustand im Blick behalten. Tim steckt 70 Prozent in die Ausdauer, 30 in die Kraft. Damit die Rechnung aufgeht, muss die Belastung stimmen. Der Trainingszustand zeigt dir, ob dein Training gerade produktiv ist oder ob du überziehst.
    • VO2max als Verlauf lesen, nicht als Note. Tims Wert liegt bei 67, und er warnt selbst davor, alles daran festzumachen. Recht hat er. Interessant ist nicht die Zahl an einem Tag, sondern die Kurve über Wochen. Jage keiner Momentaufnahme hinterher. Schau, wohin sich der Wert bewegt und was die Kurve über deine Formentwicklung aussagt.