Schrittfrequenz beim Laufen: Was deine Kadenz wirklich verrät
Die Formel für Tempo ist vermeintlich relativ simpel: Wer mehr Schritte in größerer Länge pro Minute macht, kommt zügiger voran. Problem nur: Längere Schritte führen oft zu einer geringeren Kadenz. Es braucht das richtige Verhältnis von Schrittanzahl und -länge. Der Artikel hilft dir dabei, es zu finden.
Es gibt eine Zahl, die jeder Läufer kennt und fast keiner versteht. 180. Sie steht in Trainingsplänen, in Foren, auf Smartwatch-Displays. Und gemeint ist nicht der Puls.
180 Schritte pro Minute, das angeblich perfekte Tempo deiner Füße. Ein runder Wert, leicht zu merken, überall abgeschrieben.
Die Schrittfrequenz ist auch deshalb ein spannender Wert, weil über kaum einen Datenpunkt so viel Mythen kursieren. Und weil kaum ein Wert so einfach zu verstehen ist, wenn man ihn einmal richtig anschaut.
Warum ist die Schrittfrequenz wichtig?
Deine Geschwindigkeit hat im Grunde nur zwei Zutaten. Wie oft du die Beine bewegst, und wie weit du mit jedem Schritt voran kommst. Kadenz mal Schrittlänge, das ist die Formel. Willst du schneller werden, kannst du an einer oder auch beiden der Schräubchen drehen.
An dieser Stelle wird die Schrittfrequenz für dich interessant. Denn die meisten Läuferinnen und Läufer, die sich verbessern wollen, drehen an der falschen Schraube. Sie machen die Schritte länger, indem sie den Fuß weiter nach vorne setzen. Das fühlt sich nach Raumgewinn an, kann aber unter Umständen bremsen.
Der Fachbegriff dafür heißt „Overstriding“. Dein Fuß landet deutlich vor deinem Körperschwerpunkt. Das Bein ist dadurch gestreckt, die Ferse trifft zuerst auf. Bei jedem Schritt wirkt eine Kraft, die zwei bis drei Mal deinem Körpergewicht entspricht. Ein Teil davon kehrt sich nach hinten um. Du bremst dich mit jedem Aufsetzen selbst ab. Dazu steigt die Stoßbelastung für Knie und Gelenke.
Eine höhere Schrittfrequenz dagegen dreht das um. Mehr Schritte pro Minute bedeuten bei gleichem Tempo automatisch kürzere Sprünge. Der Fuß landet näher unter dem Körper, das Knie ist leicht gebeugt. Das bedeutet: Weniger Bremse, weniger Auf und Ab, weniger Wucht in den Gelenken. Deshalb entscheidet die Kadenz über Effizienz und auch die Gesundheit.
Was Garmin für dich misst
- Was: Die Schrittfrequenz, auf Smartwatches als Kadenz geführt, in Schritten pro Minute (spm).
- Womit: Die Kadenz misst so gut wie jede Smartwatch von Garmin direkt am Handgelenk, über den eingebauten Beschleunigungssensor. Die Smartwatch liest deinen Armschwung und rechnet ihn in Schritte um. Willst du die volle Bandbreite über die Running Dynamics, brauchst du entweder eine neuere Smartwatch mit handgelenkbasierten Running Dynamics oder ein Zubehör, das die Rumpfbewegung misst. Einen Brustgurt, wie den HRM 600 oder den HRM-Fit.
- Wo: Als Datenfeld auf der Smartwatch, in Echtzeit während des Laufs, und nach dem Lauf zur Analyse in Garmin Connect, in der App wie im Web-Dashboard. Auf der Smartwatch unter „Alle Statistiken“ findest du direkt nach dem Lauf auch einen Wert.
Was beeinflusst die Schrittfrequenz?
Die Kadenz ist keine feste Größe. Sie schwankt, und zwar aus guten Gründen. Wer sie steuern will, sollte folgendes wissen:
- Das Tempo. Der größte Faktor. Fast jeder Mensch erhöht die Schrittfrequenz automatisch, wenn er schneller läuft. Eine Kadenz im lockeren Dauerlauf mit der im Renntempo zu vergleichen, ist sinnlos. Miss immer bei einem festen Tempo.
- Deine Beinlänge. Reine Physik. Ein langer Hebel schwingt langsamer als ein kurzer. Größere Menschen mit langen Beinen laufen bei gleichem Tempo natürlicherweise mit etwas niedrigerer Kadenz, kleinere mit höherer.
- Die Ermüdung. Gegen Ende eines langen Laufs sinkt die Kadenz, die Schritte werden schlurfender. Das Overstriding stellte sich wieder ein. Genau dann steigt das Verletzungsrisiko.
- Untergrund und Gefälle. Bergauf steigt die Frequenz, bergab wird sie oft niedriger und die Schritte länger, was die Gelenke zusätzlich belastet. Auf dem Laufband liegt die Kadenz bei gleichem Tempo meist etwas höher als draußen.
- Die Schuhe. Ein stark gedämpfter, hoher Schuh verführt eher zum langen Schritt. Einer mit flacherer Sohle sorgt er für einen intuitiv begrenzten Bewegungsradius.

Wo stehst du
- Elite im Wettkampf: 180 spm und deutlich mehr. Haile Gebrselassie lief seinen damaligen Marathon-Weltrekord 2008 in Berlin mit rund 197 Schritten pro Minute. Mittelstreckler auf der Bahn liegen jenseits der 200.
- Ambitioniert, zügiges Tempo: grob 170 bis 185 spm.
- Hobbyläufer, lockerer Dauerlauf: meist 155 bis 170 spm.
- Auffällig niedrig: unter etwa 160 spm im lockeren Lauf. Kein Beinbruch, aber oft ein Hinweis auf Overstriding und der Bereich, in dem eine Erhöhung am meisten bringt.
Die Zahl allein sagt wenig. Eine Kadenz von 165 kann bei einem großen Läufer im lockeren Trab völlig in Ordnung sein und bei einem kleinen im Renntempo ein Warnsignal. Der Wert bekommt erst Bedeutung, wenn du ihn neben dein Tempo und deine Beinlänge stellst.
Was passiert, wenn du daran arbeitest?
Die Referenzstudie aus dem US-amerikanischen Madison wurde 2011 im Fachjournal Medicine and Science in Sports and Exercise veröffentlicht. 45 Läufer liefen auf dem Laufband, die Kadenz wurde um 5 und um 10 Prozent erhöht. Das Ergebnis: Bei plus 10 Prozent sank die Energie, die Hüfte und Knie beim Aufsetzen absorbieren mussten, deutlich. Der Fuß landete näher am Körper, die vertikale Bewegung wurde kleiner, die Bremskraft sank.
Spätere Arbeiten der Universität bestätigten die früheren Ergebnisse im Jahr 2014. So zeigte sich, dass eine Kadenzsteigerung um 10 Prozent die Spitzenkraft im Kniescheibengelenk, dem patellofemoralen Gelenk, um rund 14 Prozent senkte. Das ist relevant für alle, die immer wieder mit dem Knie, dem Schienbein oder dem Tractus iliotibialis zu tun haben, der Außenseite des Oberschenkels. Eine höhere Kadenz verschiebt die Last nicht bloß woanders hin. Sie reduziert sie insgesamt.
Aber: Eine höhere Kadenz macht dich nicht automatisch schneller. Tempo entsteht aus Frequenz mal Schrittlänge. Wer nur die Frequenz hochdreht und die Schritte trippeln lässt, erzielt keinen großen Fortschritt. Der Mehrwert ist eher die geringere Stoß- und Bremswirkung. Ein runderes Laufgefühl und ein Körper, der länger durchhält.
Drei spannende Fragen
- Warum ist meine Kadenz auf dem Laufband höher als draußen? Weil das Band unter dir wegläuft und dir einen Teil der Vortriebsarbeit abnimmt. Bei gleichem angezeigten Tempo bist du auf dem Band meist ein paar Schritte schneller. Laufbahn und Laufband kann man daher nicht eins zu eins vergleichen.
- Verfälscht der Blick auf die Smartwatch meine Kadenz? Am Handgelenk kann er das tatsächlich. Die Smartwatch leitet die Kadenz aus deinem Armschwung ab. Wer den Arm ruhig hält, um aufs Display zu schauen, eine Flasche trägt oder das Handy zückt, liefert dem Sensor einen kurz gestörten Takt.
- Bringt Musik im richtigen Takt etwas? Mehr, als man denkt. Der Körper synchronisiert seinen Schritt fast von allein mit einem hörbaren Beat. Ein Song auf der Zielfrequenz zieht deine Kadenz mit, ohne dass du im Kopf mitzählen musst. Das neuromuskuläre System kann den Takt tatsächlich ziemlich rasch verarbeiten
Wie findest du deine ideale Schrittfrequenz?
Zusammenfassend lässt sich sagen: Es gibt keine ideale Schrittfrequenz für alle. Es gibt deine.
Vergiss die runde Zahl aus dem Trainingsplan. Deine ideale Kadenz ist die, bei der dein Fuß bei deinem Tempo unter deinem Körperschwerpunkt landet, nicht davor. Sie ergibt sich aus deiner Beinlänge, deinem Tempo und deinem Stil. Sie liegt bei einem großen Läufer woanders als bei einer kleinen Läuferin.
So findest du dein Ideal:
Miss zuerst deine natürliche Kadenz. Tue das idealerweise im lockeren Tempo, nicht im Sprint. Zähl dazu 30 Sekunden lang, wie oft dein rechter Fuß aufsetzt, und multipliziere mit vier. Oder lass die Smartwatch es dir zeigen. Diese Zahl ist dein Ausgangswert, nicht dein Urteil.
Dann die entscheidende Frage, und die beantwortet keine Zahl, sondern dein Bewegungsbild: Landet dein Fuß vor dir oder unter dir? Wer sauber unter dem Schwerpunkt aufsetzt und beschwerdefrei läuft, hat seinen Wert gefunden, egal ob er 168 oder 178 heißt. Wer deutlich davor landet, landet im Overstriding.
So arbeitest du an deiner Schrittfrequenz
- Steigere relativ, nicht absolut. Nimm deinen gemessenen Ausgangswert und erhöhe ihn um 5 Prozent, nicht auf eine Wunschzahl. Genau das ist der in Studien belegte Bereich, in dem die Belastung sinkt, ohne dass die Laufökonomie leidet. Wer aus 160 mit Gewalt 180 macht, läuft in eine neue Problemzone.
- Arbeite mit einem Takt. Erstelle dir Playlists auf deine Zielfrequenz und laufe zum Beat. Der Körper synchronisiert zügig mit einem hörbaren Rhythmus. Die positiven Effekte vom Laufen mit Musik sind wissenschaftlich gut belegt.
- Ein Tempo nach dem anderen. Über die neue Kadenz zuerst im lockeren Dauerlauf, wo Kopf und Beine bewusst darüber nachdenken können.
- Denk an kurze, schnelle Schritte, nicht an die Zahl. Visualisiere keinen Wert auf dem Display, sondern eine elegante Laufart: Leise, kurze Schritte, den Boden nur antippen. Der Fuß wandert dabei fast von selbst unter den Körper.
- Gib dem Körper Zeit und miss nach. Eine neue Kadenz braucht Wochen, bis sie automatisch läuft. Kontrolliere sie regelmäßig bei demselben Tempo und unter Ermüdung. Genau am Ende einer langen Runde, wenn die Beine schwer und müde sind, solltest du bewusst auf die Kadenz achten. Auch wenn die Schritte kürzer werden – lieber einmal kurz, als überziehend.
Häufige Fragen
Was ist eine gute Schrittfrequenz beim Laufen?
Es gibt keinen Einheitswert. Hobbyläufer liegen im lockeren Lauf meist bei 155 bis 170 Schritten pro Minute, ambitionierte Läufer bei zügigem Tempo bei 170 bis 185, Eliteläufer im Wettkampf bei 180 und mehr. Entscheidend ist nicht die absolute Zahl, sondern ob dein Fuß unter dem Körper landet und ob du beschwerdefrei läufst.
Sind 180 Schritte pro Minute wirklich ideal?
Nein. Die 180 gehen auf eine Beobachtung des Trainers Jack Daniels bei den Olympischen Spielen 1984 zurück. Er zählte die Kadenz von Elite-Läufern im Wettkampf und fand fast alle bei 180 oder darüber. Das war ein Mindestwert für sehr schnelle Menschen im Rennen, kein Ziel für jeden Läufer bei jedem Tempo.
Wie erhöhe ich meine Schrittfrequenz?
Steigere deine natürliche Kadenz um etwa 5 Prozent, nicht auf eine feste Wunschzahl. Nutze ein Metronom oder Musik auf der Zielfrequenz, übe zuerst im lockeren Tempo und denk an kurze, leise Schritte. Erhöhe nicht mehr als rund 5 Prozent auf einmal, sonst leidet die Laufökonomie.
Senkt eine höhere Kadenz das Verletzungsrisiko?
Sie senkt mehrere bekannte Risikofaktoren. Studien zeigen, dass eine Erhöhung um 5 bis 10 Prozent die Belastung an Hüfte und Knie spürbar reduziert, weil der Fuß näher am Körper landet und weniger bremst. Eine Modellrechnung fand bei plus 10 Prozent rund 14 Prozent weniger Spitzenkraft im Kniescheibengelenk. Das ist besonders relevant bei wiederkehrenden Knie- oder Schienbeinbeschwerden.
Macht mich eine höhere Schrittfrequenz schneller?
Nicht von allein. Tempo ist Kadenz mal Schrittlänge. Wer nur die Frequenz erhöht und die Schritte verkürzt, läuft gleich schnell mit weniger Belastung. Schneller wirst du über gezieltes Training, die Kadenzarbeit macht dein Laufen vor allem effizienter und robuster.
Wie misst Garmin die Schrittfrequenz?
So gut wie jede Garmin Laufuhr misst die Kadenz direkt am Handgelenk über den Beschleunigungssensor, ohne Zubehör. Für die vollen Running Dynamics wie Bodenkontaktzeit oder vertikale Bewegung brauchst du eine neuere Smartwatch mit handgelenkbasierten Running Dynamics oder ein Zubehör wie einen HRM-600 Brustgurt.
Quellen
- Heiderscheit, Chumanov, Michalski, Wille, Ryan (2011): Effects of Step Rate Manipulation on Joint Mechanics during Running. Medicine and Science in Sports and Exercise, 43(2), 296 bis 302.
- Lenhart, Thelen, Wille, Chumanov, Heiderscheit (2014): Increasing Running Step Rate Reduces Patellofemoral Joint Forces. Medicine and Science in Sports and Exercise, 46(3), 557 bis 564.
- Übersicht zur Einordnung des 180-Mythos und zur Individualität der Kadenz