Radfahren in der Gruppe: Diese Handzeichen solltest du kennen
In der Gruppe gibt es wenig Spielraum für Unwissen. Nicht aus Arroganz, sondern weil ein Fehler alle betrifft. Die Handzeichen sind keine netten Tipps, sie sind die Sprache der Gruppe. Die sechs wichtigsten Zeichen, die Regeln in der Gruppe und wie spezielle Features die Gruppe unterstützen.
Es ist deine erste Ausfahrt in einer größeren Gruppe. Du sitzt mittendrin, das Tempo ist höher als sonst, der Windschatten zieht dich mit. Nach 500 Metern zeigt jemand mit dem Finger nach unten. Du weißt nicht, was das heißt. Zwei Sekunden später rumpelt es, dein Vorderrad springt über den Gullydeckel.
Warum die Zeichen die Sprache der Gruppe sind
Warum der ganze Aufwand? Weil es sich lohnt, ein Teil einer Gruppe zu sein. Gemeinsam rollt es sich nicht nur schöner, sondern auch motivierter. Der sogenannte Köhler-Effekt beschreibt, dass Menschen in der Gruppe mehr geben, um nicht das schwächste Glied zu sein. Und gemeinsamer Sport senkt den Stress. In einer Studie der University of New England hatten Menschen, die in der Gruppe trainierten, deutlich weniger empfundenen Stress. Rund ein Viertel weniger als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer.
Dazu kommt der handfeste Vorteil im Windschatten. Schon an zweiter Position sparst du bis zu 30 Prozent Energie, das zeigt die Aerodynamik-Forschung. Genau dieser Windschatten funktioniert aber nur, wenn alle sauber und vorhersehbar fahren. Ein hektisches Bremsen, ein unangekündigtes Loch, und der Flow ist dahin.
Deshalb sind die Zeichen keine Zierde. Sie sind das wichtigste Verständigungsmittel.
Die Regeln im Peloton
Bevor es an die Zeichen geht, gelten ein paar ungeschriebene Regeln. Sie sorgen dafür, dass die Gruppe ruhig und sicher läuft.
- Halte Abstand. So verlockend das Hinterrad vor dir ist, wenn du bisher noch nicht viel Windschatten gefahren bist, kleb nicht zu dicht daran. Bei einer plötzlichen Bewegung bleibt dir sonst keine Zeit zum Reagieren. Erst wenn du sicher bist, tastest du dich näher heran.
- Fahr gleichmäßig. Plötzliche Lenkbewegungen, schnelles Auffahren und abruptes Bremsen reißen die ganze Gruppe aus dem Rhythmus. Gerade in der Zweier-Reihe bestimmen die ersten beiden den Rhythmus der gesamten Gruppe. Halten sie einen sauberen Abstand zueinander und ein kontrolliertes Tempo, sorgt das für Ruhe in der ganzen Gruppe.
- Wähl die richtige Position. Bist du unsicher, ob du das Tempo konstant hältst, gehörst du nicht nach vorn. Reih dich zu Beginn im letzten Drittel ein und schau dir ab, wie das Gruppe arbeitet.
- Teil die Führungsarbeit. Ganz vorn ist der Energieverbrauch am höchsten, deshalb wechselt sich die Gruppe ab. Wenn deine Kräfte reichen, übernimm für kurze Zeit und lass die anderen im Windschatten verschnaufen. Wie hart so ein Zug wirklich ist, siehst du an deiner Herzfrequenz. Wer die Werte auf der Smartwatch oder dem Edge im Blick behält, teilt sich die Kraft besser ein.
Reichen deine Kräfte nicht aus, musst du nicht zwangsläufig mit durch die Führung fahren. Im Gegenteil: Für einen gleichmäßigen Gruppenfluss kann es sinnvoll sein, als sogenannter „Schließerin“ hinten in der ersten Zweierreihe zu bleiben. Die von vorne Kommenden werden dann stets vor dir wieder eingeordnet. So übernehmen vor allem die Stärkeren die Führungsarbeit, während Tempo und Formation konstant bleiben. Möchtest du später doch einen Führungszug fahren, kannst du das jederzeit ankündigen und dich in den Wechsel einreihen.
Die sechs Handzeichen, die du kennen solltest
Jetzt zu den Handzeichen. Die Fahrenden an der Spitze sind die Augen für alle und geben die Zeichen nach hinten. Deine Aufgabe ist es, sie sauber weiterzureichen, damit die Information bis ans Ende der Gruppe kommt.
1. Gefahrenstelle
Für einen Gullydeckel, ein Loch oder Scherben zeigst du mit dem Zeigefinger nach unten, auf der Seite, wo die Gefahr liegt. So weiß die Gruppe, dass sie dort nicht langfährt.

2. Stopp
Vor einer Ampel oder einem Zebrastreifen hebst du die offene Hand deutlich nach oben. Zeig den Stopp früh genug an, damit alle behutsam bremsen können.

3. Ausweichen
Muss die Gruppe einem Hindernis wie einem parkenden Auto ausweichen, wird deine Hand zum Richtungszeiger. Du führst sie hinter den Rücken und deutest die Seite an, zu der ausgewichen wird. Beim Abbiegen streckst du den Arm auf Schulterhöhe in die Richtung.

4. Verlangsamen
Vor einer unübersichtlichen Kurve oder Stelle, mit der Handfläche Bewegungen von oben nach unten machen. Das Signal für alle: Tempo raus.

5. Abstand
Bereitest du an der Spitze eine Tempoänderung vor, deutest du mit der Handfläche hinter dem Rücken nach hinten. So forderst du etwas Abstand, etwa vor einer engen Kurve. Das gilt auch, bevor du aus dem Sattel gehst, denn dabei rutscht das Rad leicht nach hinten.

6. Aus dem Sattel gehen
Wenn du an der Spitze der Gruppe aus dem Sattel gehen möchtest, solltest du dies vorher ankündigen. Beim Aufstehen bewegt sich das Rad oft leicht nach hinten, was überraschend für die direkt hinter dir Fahrenden sein kann. Als Handzeichen kannst du eine Hand kurz nach hinten führen und mit der offenen Handfläche nach oben winken. Im Rennsport wird häufig eine andere Variante genutzt: Dabei werden beide Ellenbogen zwei- bis dreimal nach außen bewegt. Der Vorteil: Deine Hände bleiben am Lenker und das Signal ist trotzdem gut erkennbar.
Verbale Signale und das Radar im Rücken
Nicht immer hast du eine Hand frei oder alle im Blick. Dann helfen Zurufe und bei größeren Gruppen vereinbarte Handzeichen. Damit die Information alle erreicht, sollten diese von Person zu Person weitergegeben werden.
Auch wichtig: Regelmäßig muss man von Autos lesen, die aus Unachtsamkeit auf Gruppen aufgefahren sind. Radfahrerinnen und Radfahrer haben keine Knautschzone. Solche Unfälle sind sehr gefährlich. Zwar können Radfahrende nicht den Fahrstil der Menschen in den Autos beeinflussen, dafür aber selbst Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Zum Beispiel, näher an den Rand fahren.
Ein Radar wie der Garmin Varia erkennt Fahrzeuge, die sich von hinten nähern, und warnt dich, bevor du sie überhaupt hörst. In der Gruppe ist das doppelt wertvoll. Du bekommst das herannahende Auto früher mit und kannst die Warnung sofort nach vorn weitergeben.
Wie die Technik die Gruppe zusammenhält
Am Ende steckt hinter der ganzen Zeichensprache eine einzige Idee: Alle wissen jederzeit, was los ist. Unterstützen dabei kann auf dem Edge auch die GroupRide-Funktion. Sie ersetzt die Handzeichen nicht, liefert jedoch weiteren Rundumblick.
Die GroupRide-Funktion: So gehts!
- Wähle im Hauptmenü die Option Group Ride > Group Ride starten.
- Gib deinen Fahrernamen ein, und wähle Fertig.
- Wähle bei Bedarf den Funkkanal und anschließend Weiter.
- Gib den Tournamen ein, und wähle Fertig.
- Wenn Fahrer dem Group Ride beitreten (über den angezeigten Code), werden ihre Namen in der Liste aufgeführt.
- Wähle Start.
- Der Group Ride beginnt nach der Synchronisierung aller Fahrer mit dem Group Ride.
Alle mit einem kompatiblen Edge treten über einen Code der Ausfahrt bei. Unterwegs seht ihr die Live-Position der anderen auf der Karte. Trennt sich die Gruppe an einer Ampel oder weil vorn jemand Gas gibt, seht ihr euch digital weiter. Über die Nachrichten Funktion kannst du, zum Beispiel bei einer Panne, direkt an die anderen schreiben. Und bei einem Sturz geht automatisch ein Alarm an die Gruppe. Verfügbar ist das auf den Edge-Modellen 540, 550, 840, 850, 1040, 1050, Explore 2 und MTB.
Mit der LiveTrack-Funktion kann jemand von zu Hause deine Fahrt in Echtzeit verfolgen, ein gutes Gefühl auf langen Solorunden. Dazu kommt die fahrradspezifische Navigation mit Abbiegehinweisen, damit die Gruppe auch auf neuen Strecken zusammenbleibt. So wird aus dem Gerät am Lenker das digitale Gegenstück zur Zeichensprache.
Häufige Fragen
Dürfen wir in der Gruppe nebeneinander fahren?
Ja, unter Bedingungen. Nach §2 Abs. 4 der Straßenverkehrsordnung dürft ihr nebeneinander fahren, solange ihr den Verkehr nicht behindert. Sonst gilt hintereinander. Ab 16 Personen darf die Gruppe laut §27 StVO einen geschlossenen Verband bilden, dann ist das Nebeneinanderfahren generell erlaubt.
Was ist ein geschlossener Verband?
Ab mehr als 15 Radfahrenden darf die Gruppe laut §27 StVO einen geschlossenen Verband bilden. Tut sie das, gilt sie rechtlich als ein einziges Fahrzeug. Das bringt Vorteile. Ihr dürft zu zweit nebeneinander fahren und seid von der Radwegpflicht ausgenommen. Und hat die Spitze eine Ampel bei Grün passiert, darf der Rest des Verbands folgen. Wichtig ist, dass ihr erkennbar zusammenbleibt.
Was bedeutet der Ellbogen-Wink?
Wedelt die Person an der Spitze kurz mit dem Ellbogen, ist das eine Einladung. Sie bittet die Person dahinter, nach vorn zu ziehen und die Führungsarbeit zu übernehmen. Ein feines Zeichen, das den Wechsel ohne Worte regelt.
Was ist Half-Wheeling und warum nervt es alle?
Half-Wheeling heißt, ständig eine halbe Radlänge vor dem Nebenmann oder der Nebenfrau zu fahren. Das zieht unbewusst das Tempo hoch, die andere Person kontert, und schon schaukelt sich alles auf. In der Gruppe gilt das als schlechter Stil. Fahr auf gleicher Höhe.
Was ist eine Staffel bei Seitenwind?
Bei starkem Seitenwind reicht das reine Hintereinanderfahren nicht, der Windschatten liegt dann seitlich versetzt. Die Gruppe ordnet sich schräg gestaffelt an, damit alle geschützt sind. Diese Formation nennt man Staffel oder Echelon und ist hohe Schule.
Was mache ich als Anfänger in der Gruppe?
Reih dich hinten ins letzte Drittel ein, halte Abstand und schau dir die Zeichen und Abläufe ab. Übernimm noch keine Führungsarbeit, solange du das Tempo nicht sicher konstant hältst. Mitdenken und Weiterreichen der Zeichen ist wichtiger als Kraft.
Quellen
- Hertel G, Kerr NL, Scheffler M, Geister S, Messé LA. Exploring the Köhler Motivation Gain Effect: Impression Management and Spontaneous Goal Setting. Z Sozialpsychol. 2000;31(4):204–220. doi:10.1024/0044-3514.31.4.204.
- Yorks DM, Frothingham CA, Schuenke MD. Effects of Group Fitness Classes on Stress and Quality of Life of Medical Students. J Am Osteopath Assoc. 2017;117(11):e17–e25. doi:10.7556/jaoa.2017.140.
- Debraux P, Grappe F, Manolova AV, Bertucci W. Aerodynamic drag in field cycling with special reference to the Obree’s position. Ergonomics. 2011;54(5):444–451.